Eigenlob stinkt
Eigenlob stinkt und dann wundern wir uns, warum nichts nach uns riecht
Wir haben „Eigenlob stinkt“ so früh gelernt,
dass sich der Satz heute anfühlt wie ein Naturgesetz.
Damals war er praktisch:
Kinder, die sich nicht zu wichtig nehmen.
Schüler, die bescheiden bleiben.
Keiner, der zu laut „Ich!“ ruft.
Das Problem:
Wir sind groß geworden,
der Satz ist geblieben.
Nur heißt er heute anders:
„War nur Glück.“
„Hab einfach ein gutes Team.“
„Wir waren halt zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“
Menschen liefern Leistungen,
tragen Verantwortung,
halten Läden zusammen
und packen ihre Erfolge danach so vorsichtig in Watte,
als könnten sie jemandem damit weh tun.
Wie Eigenlob stinkt in unseren Kopf gewandert ist
Wenn ich mit Kund:innen rede,
höre ich oft dieselbe Tonspur aus der Kindheit:
„Sei nicht eingebildet.“
„Spiel dich nicht so auf.“
„Nimm dich mal nicht so wichtig.“
Vielleicht war es gut gemeint.
Vielleicht war es blanke Überforderung der Erwachsenen.
Egal wie – im Kopf bleibt hängen:
Wer sich selbst mag, ist verdächtig.
Wer stolz ist, gehört zurück auf den Boden.
Wer zu sehr glänzt, muss mit Gegenwind rechnen.
Also funktioniert das Gehirn irgendwann so:
Lob von außen?
Kurz Gänsehaut.
Dann sofort: „War halb Zufall, halb Glück, halb Team.“
Ja, das sind drei Hälften.
So unlogisch rechnet unser Kopf,
wenn es darum geht, bloß nicht sichtbar stolz zu wirken.
Drei typische Szenen, in denen wir uns kleiner machen
Ich sehe diese Szenen ständig –
in Unternehmen, Coachings, im Alltag.
Szene 1: Das Meeting nach dem Pitch
Jemand hat einen Deal geholt,
der objektiv stark ist.
Die Chefin sagt: „Das war wirklich gut, ohne dich wäre das nicht passiert.“
Antwort:
„Ach, das war Teamleistung.
Der Kunde war uns eh schon wohlgesonnen.
Wir hatten auch einfach Glück mit dem Timing.“
Die Fakten:
Stunden an Vorbereitung.
Mut im entscheidenden Moment.
Klarheit in der Verhandlung.
Was im System hängen bleibt:
„Ich war da eher zufällig beteiligt.“
Szene 2: Die Nachricht nach einem Vortrag
Nach einem Talk trudeln Nachrichten ein:
„Danke, das hat mich echt abgeholt.“
„Ich hab mich selten so gesehen gefühlt.“
„Das hat was in mir bewegt.“
Statt innerlich „Ja“ zu denken
und zu merken, dass da etwas stimmt,
läuft automatisch das Abwehrprogramm:
„Die meinen das doch nur nett.“
„So besonders war das gar nicht.“
„Wenn die wüssten, wie ich mich gefühlt habe…“
Das Gehirn macht aus ehrlichem Feedback
eine Art Höflichkeitsfloskel.
Szene 3: Das Gespräch mit Freund:innen
„Krass, was du da nebenbei alles stemmst.“
„Respekt, dass du das so durchziehst.“
Antwort:
Lachen, abwinken,
„Ach, andere machen doch viel mehr.“
Wir verkaufen unseren Einsatz als Laune der Natur.
Als wäre unser Leben ein Zufallsprodukt,
das nichts mit uns zu tun hat.
Was das mit deinem Selbstbild macht
Der Effekt ist fies einfach:
Wenn du jeden Erfolg entschärfst,
lernt dein Gehirn:
Erfolg = Zufall, Umstände, Glück, andere Menschen.
Fehler, Stress, Überforderung = ganz klar du.
Das heißt:
Alles Gute rutscht nach außen,
alles Anstrengende bleibt bei dir hängen.
Versuch mal, auf dieser Grundlage
ein stabiles Selbstbewusstsein zu bauen.
Viele nennen es dann „Impostor-Syndrom“.
Aber oft ist es schlicht jahrelanges Training darin,
sich selbst aus allen positiven Gleichungen rauszunehmen.
Du kannst objektiv erfolgreich sein
und dich trotzdem wie eine gut funktionierende Täuschung fühlen,
wenn du innerlich nie sagen darfst:
„Ja. Das war ich.
Mit all meinen Macken –
und trotzdem gut.“
Warum wir Eigenlob mit Ego verwechseln
Spannend ist, wie stark wir in Extremen denken.
In vielen Köpfen sieht die Gleichung so aus:
Entweder
bescheiden, nett, zurückhaltend.
Oder
laut, arrogant, unangenehm.
Dazwischen scheint es nichts zu geben.
Dabei gibt es einen gewaltigen Unterschied
zwischen „Ich bin besser als ihr“
und
„Ich sehe, was ich geleistet habe.“
Das eine ist Überhöhung.
Das andere ist Selbstrespekt.
Wir haben so viel Angst davor,
wie die Großkotze zu wirken,
die jeder kennt,
dass wir uns lieber in die andere Richtung verbiegen.
Zur Sicherheit lieber zehnmal kleinreden,
bevor jemand auf die Idee kommen könnte,
wir würden uns mögen.
Die unsichtbaren Kosten im Job (und im Leben)
Wer seinen Anteil am Gelingen nicht sieht,
kann ihn auch nicht einbringen.
Du willst mehr Verantwortung?
Schwierig, wenn du bei jeder Gelegenheit betonst,
dass alles „nur Glück“ war.
Du willst ernst genommen werden?
Kompliziert, wenn du selbst alles abwäschst,
was nach Können aussieht.
Du willst, dass dein Team stolz auf sich ist?
Unpraktisch, wenn du jede lobende Situation
mit einem „Da geht noch mehr“ oder „War ja nur unser Job“ entschärfst.
Das zieht Kreise:
- In Gehaltsgesprächen argumentierst du nicht mit deinem Wert,
sondern mit „Wäre schön, wenn…“. - In Verhandlungen trittst du auf,
als müsstest du dich entschuldigen,
überhaupt Ansprüche zu haben. - In Beziehungen nimmst du Komplimente nicht an,
sondern entwaffnest sie –
und wunderst dich, warum auf der anderen Seite
irgendwann weniger kommt.
Wie sich etwas verschiebt, wenn du einmal nicht entschärfst
Ich habe im Reboot mit Menschen gearbeitet,
die auf dem Papier alles hatten:
Karriere, Netzwerk, Anerkennung.
Innen sah es anders aus.
Immer ein bisschen zu wenig.
Immer ein bisschen „War Glück“.
Immer ein bisschen „Nicht so wichtig“.
Der spannendste Moment ist nie der große Knall.
Es ist der erste kleine Bruch im Muster.
Zum Beispiel:
Jemand bekommt ein ehrliches Lob
und antwortet nicht mit „Ach…“,
sondern sagt:
„Danke.
Ja, da bin ich gerade auch stolz drauf.“
Das klingt banal.
Aber für viele ist das ein Mini-Erdbeben.
Weil sich zum ersten Mal
inneres Erleben und äußere Situation treffen:
Ich habe etwas gut gemacht.
Ich darf das merken.
Ich darf dazu stehen.
Keine Überhöhung.
Keine Show.
Nur: nicht mehr weglaufen,
wenn etwas gelungen ist.
Vielleicht ist Eigenlob gar nicht das Problem
Vielleicht stinkt nicht Eigenlob.
Vielleicht stinkt es, wenn Menschen nichts anderes mehr sehen als sich selbst.
Das ist aber selten das Risiko derer, die diesen Text bis hier lesen.
Die meisten, mit denen ich arbeite,
sind eher in der anderen Ecke unterwegs:
hoch reflektiert,
hoch leistungsfähig,
hoch streng mit sich.
Wenn diese Menschen anfangen,
ihre Leistung zu sehen,
kippt nichts in Arroganz.
Es kippt in Klarheit.
Klarheit darüber,
wo sie wirklich gut sind.
Klarheit darüber,
was sie beitragen.
Klarheit darüber,
wo sie nein sagen dürfen,
ohne sich schlecht zu fühlen.
Vielleicht wäre das der ehrlichere Satz für uns als Erwachsene:
Nicht: „Eigenlob stinkt.“
Sondern: „Wenn ich mich nie bewusst lobe, lernt mein System: Ich bin nur für Kritik zuständig.“
Jemandem, der dich dein Leben lang nur kritisiert,
würdest du irgendwann die Freundschaft kündigen.
Warum behandelst du dich selbst wie genau diese Person
und nennst es dann Bescheidenheit?