Erwartungen - ein Zeichen von Klarheit
Erwartungen sind Gift
Früher dachte ich, Erwartungen seien ein Zeichen von Klarheit.
„Ich erwarte Professionalität.“
„Ich erwarte Loyalität.“
„Ich erwarte, dass ich mit Mitte dreißig an einem bestimmten Punkt bin.“
Innerlich fühlte sich das erwachsen an.
Sortiert. Anspruchsvoll.
So redet man, wenn man „etwas aus sich macht“, oder?
Was ich erst später gemerkt habe:
Die meisten meiner Enttäuschungen hatten nichts mit anderen zu tun.
Sie hatten mit meinen inneren Drehbüchern zu tun, von denen niemand wusste.
Ich bin in Situationen gegangen, in denen der Film in meinem Kopf schon fertig war.
Das Meeting, das produktiv laufen sollte.
Das Gespräch, das ehrlich werden sollte.
Das Jahr, in dem endlich „alles rund“ sein sollte.
Die Realität hat sich selten an meinen Plan gehalten.
Menschen waren langsamer, vorsichtiger, müder, mit sich beschäftigt.
Ich auch.
Übrig blieb dieses diffuse Gefühl:
„Irgendwas stimmt hier nicht.“
Früher habe ich das den Umständen zugeschrieben.
Heute weiß ich: Es waren meine Erwartungen, die den Raum enger gemacht haben als nötig.
Am brutalsten war das bei mir selbst.
Ich hatte eine ziemlich präzise Vorstellung davon,
wer ich „jetzt schon“ sein müsste.
Wie souverän.
Wie klar.
Wie unangreifbar.
Jeder Tag, an dem ich mich unsicher, müde oder überfordert erlebt habe,
wurde automatisch als Schwäche verbucht.
Nicht, weil objektiv etwas Schlimmes passiert wäre.
Sondern, weil mein innerer Standard sagte:
„So darf es sich nicht anfühlen.“
Erwartungen waren mein leises System,
mich gegen mich selbst aufzubringen – im Namen von „Anspruch“.
Irgendwann habe ich angefangen, diese Sätze zu bemerken.
Nicht theoretisch, sondern mitten im Alltag.
„Ich erwarte, dass dieses Gespräch XY bringt.“
„Ich erwarte, dass ich das besser wegstecke.“
„Ich erwarte, dass die andere Person versteht, was ich nicht ausspreche.“
Je genauer ich hingesehen habe,
desto klarer wurde:
Erwartungen sind keine Orientierung,
sie sind kleine, unsichtbare Verträge mit eingebauter Schuldfrage.
Wenn es anders läuft,
ist automatisch jemand „falsch“:
die anderen oder ich.
Heute versuche ich etwas anderes.
Ich habe immer noch Ziele.
Ich habe immer noch Wünsche.
Ich habe immer noch Vorstellungen, wie Dinge laufen könnten.
Aber ich beobachte genauer,
wo aus einem Wunsch eine versteinerte Erwartung wird.
Dort, wo ich innerlich schon weiß,
wie jemand reagieren „sollte“.
Dort, wo ich eine Version von mir selbst festhalte,
die in der Realität kaum Luft bekommt.
Genau da beginnt das Gift zu wirken.
Mit Menschen zu arbeiten, die Verantwortung tragen,
heißt für mich deshalb nicht, sie auf neue Ziele zu trimmen.
Es heißt, mit ihnen diese stillen Verträge auf den Tisch zu legen.
Die Erwartungen an ihr Team.
Die Erwartungen an sich selbst.
Die Erwartungen an ein Leben, das sich immer „richtig“ anfühlen soll.