Alles erledigt. Warum fühlt es sich trotzdem nicht nach genug an?
Von Anja Maria Welzel

Stell dir vor: Freitag, 15 Uhr. Du hast erledigt, was du dir vorgenommen hattest. Eine wichtige Entscheidung getroffen. Das Angebot verschickt. Für heute steht nichts Dringendes mehr an.
Du könntest Feierabend machen.
Du öffnest trotzdem noch einmal deine Mails. Dann die Zahlen. An der Website ließe sich auch noch etwas verbessern.
An einem Unternehmen gibt es schließlich immer etwas zu tun. Sehr praktisch, wenn du einen Grund suchst, weiterzuarbeiten.
Mich interessiert, was du von dir halten würdest, wenn du jetzt aufhörst.
Eine Aufgabe kann fertig sein, während du mit dir unzufrieden bist
Für eine Aufgabe lässt sich häufig festlegen, wann sie abgeschlossen ist. Das Angebot ist verschickt. Die Entscheidung ist getroffen.
Die Frage, ob du als Mensch heute genug geleistet hast, folgt einem anderen Maßstab.
Du kannst mehr geschafft haben als geplant und trotzdem denken: Da wäre noch etwas gegangen. Eine freie Stunde erscheint dann als ungenutzte Möglichkeit, noch mehr zu leisten.
Solange „genug“ alles bedeutet, was du theoretisch noch hättest schaffen können, wird auch ein produktiver Tag zum unvollständigen Tag.
Das ist eine Überlegung, die ich aus dem Selbstwertmodell auf unseren Arbeitsalltag übertrage. Sie beschreibt keinen Forschungsbefund über alle Unternehmer:innen.
Was leistungsabhängiger Selbstwert bedeutet
Die Psychologinnen Jennifer Crocker und Connie Wolfe beschreiben in ihrem Modell, dass Menschen ihren Selbstwert an bestimmte Lebensbereiche knüpfen können. Erfolge und Misserfolge in diesen Bereichen beeinflussen dann, wie sie sich selbst bewerten. Entscheidend ist also auch, wovon das eigene Wertgefühl abhängt. Crocker & Wolfe, 2001
Auf berufliche Leistung bezogen kann daraus eine Bedingung werden: Wenn ich viel schaffe, bin ich mit mir einverstanden.
Arbeit bekommt damit eine zusätzliche Bedeutung. Sie bringt dein Unternehmen voran. Zugleich kann sie dir helfen, dich wieder gut genug zu fühlen.
Dass du beim Weiterarbeiten ruhiger wirst, sagt dann noch wenig darüber aus, ob diese zusätzliche Arbeit geschäftlich nötig war.
Aus einem offenen Laptop lässt sich allerdings kein leistungsabhängiger Selbstwert ablesen. Du kannst eine konkrete Sorge haben. Oder Lust auf eine Aufgabe, in der du gerade gut vorankommst. Deine Arbeitszeit allein verrät uns wenig über deine Beweggründe.
Wenn selbst Feierabend einen Businesscase braucht
Carsten Maschmeyer unterscheidet im Podcast TOMorrow zwischen Arbeitszeit und Ergebnissen. Im Gespräch ab etwa Minute 12:29 erläutert er, weshalb langes Arbeiten für ihn noch kein Beleg für gute Leistung ist. Zum Gespräch mit Carsten Maschmeyer
Diese Unterscheidung finde ich hilfreich. Über seinen persönlichen Selbstwert sagt sie uns nichts.
Sie führt mich aber zu einer weiteren Frage: Reicht uns als Begründung für Feierabend, dass wir heute Feierabend haben möchten?
Oder braucht die freie Zeit erst einen geschäftlichen Nutzen, damit wir sie akzeptieren können?
Du kannst dir einen Spaziergang erlauben, weil du danach bessere Ideen hast. Das kann stimmen. Nur bleibt dabei die Bedingung erhalten: Die Pause muss sich durch spätere Leistung rechtfertigen.
Dann hat auch die freie Zeit eine Aufgabe bekommen.
Mich interessiert, ob du sie genießen könntest, wenn sie dein Unternehmen keinen Zentimeter weiterbringt.
Abschalten hängt auch von deinen Arbeitsbedingungen ab
Die Forschung zur Erholung untersucht das gedankliche Abschalten von der Arbeit. In einer Metaanalyse fanden Johannes Wendsche und Andrea Lohmann-Haislah unter anderem Zusammenhänge mit weniger Erschöpfung und besserem Schlaf. Hohe Arbeitsanforderungen standen zugleich mit geringerem Abschalten in Verbindung. Wendsche & Lohmann-Haislah, 2017
Das waren überwiegend Befunde aus Beschäftigtenstichproben. Die Zusammenhänge unterscheiden sich zwischen Studien und belegen für sich keine eindeutige Ursache.
Wer abends an eine offene Rechnung denkt, braucht Unterstützung bei dieser Rechnung. Wer ständig erreichbar sein muss, braucht verlässliche Absprachen. Ein Gespräch über Selbstwert ersetzt keine brauchbaren Arbeitsbedingungen.
Umgekehrt löst eine bessere Tagesplanung die Frage nach deinem Wertgefühl noch nicht automatisch. Du kannst dir einen freien Nachmittag einplanen und ihn anschließend als Beleg dafür werten, dass du dich zu wenig anstrengst.
Bleibt der Ehrgeiz, wenn du dich weniger beweisen musst?
Die Motivationsforschung unterscheidet unter anderem zwischen selbstbestimmtem Antrieb und Antrieb durch Druck. Selbstbestimmt kannst du handeln, weil dich eine Aufgabe interessiert oder weil dir ihr Ergebnis persönlich wichtig ist. Druck kann auch von innen kommen: etwa durch die Vorstellung, deinen Wert erst durch Leistung bestätigen zu müssen. Gagné & Deci, 2005
Beides kann sich im selben Menschen mischen. Du kannst deine Arbeit lieben und zugleich hart mit dir werden, sobald wenig gelingt.
Eine Metaanalyse von Martin Hagger und Kaylyn McAnally Star aus dem Jahr 2026 bündelt 192 Studien. Selbstbestimmte Motivation hing darin im Durchschnitt mit günstigeren Ergebnissen bei Arbeitsleistung und Arbeitszufriedenheit zusammen. Hagger & McAnally Star, 2026
Das ist kein Versprechen, dass eine Veränderung deines Selbstwerts deinen Umsatz steigert. Viele der untersuchten Daten sind korrelativ und stammen von Beschäftigten. Sie stützen aber die Annahme, dass hoher persönlicher Druck keine notwendige Voraussetzung für gute Leistung ist.
Wie sich dein Ehrgeiz verändert, bleibt eine persönliche Frage. Welche Ziele sind dir wichtig, auch wenn niemand davon erfährt? Welche Aufgabe würdest du gern weiterverfolgen, obwohl sie gerade keine Anerkennung bringt?
Und für heute: Was würdest du über dich denken, wenn du eine Stunde früher aufhörst?
Diese Fragen passen in deinen Posteingang
In meinem kostenlosen Newsletter „Die Psychologie hinter Erfolg und Leistung“ schreibe ich einmal pro Woche für Unternehmer:innen, Gründer:innen und Selbstständige, die viel erreicht haben und verstehen möchten, was sie antreibt.
Die erste Ausgabe greift die Situation vom Anfang auf: alles erledigt, trotzdem noch am Laptop. Du bekommst einen kurzen Gedanken und eine Frage, die du auf deinen Alltag beziehen kannst.
Hier kannst du dich zum Newsletter anmelden.
Auf deinen Erfolg. Und darauf, dass du ihn genießen kannst.
Anja