Warum so viele Erfolgreiche sich selbst nicht leiden können
Warum so viele Erfolgreiche sich selbst nicht leiden können
Ich habe lange geglaubt, Erfolg würde das innere Rauschen leiser machen.
Mehr Anerkennung, mehr Wirkung, mehr „Du bist gut in dem, was du tust“
irgendwann würde sich das doch bitte auch im eigenen Gefühl bemerkbar machen.
Hat es nicht.
Weder bei mir.
Noch bei den Menschen, mit denen ich arbeite.
Was ich stattdessen immer wieder sehe:
Je mehr sie erreichen, desto peinlicher wird ihnen das, was sie innen fühlen.
Es passt nicht zum Bild.
Auf LinkedIn: klar, souverän, erfolgreich.
Zu Hause, nachts: dieses leise „Eigentlich mag ich mich so nicht besonders“.
Es geht mir um Selbstachtung und davon, dass viele Menschen sie im Laufe ihres Lebens verlieren.
Funktionieren statt gemocht werden - von sich selbst
Warum so viele erfolgreiche Menschen sich selbst nicht leiden können?
Die Antwort klingt erschreckend simpel:
Wer sich zu oft verleugnet, kann sich irgendwann nicht mehr ernsthaft mögen.
Das sind keine großen Dramen.
Es sind die kleinen täglichen Entscheidungen:
Du sagst ja, obwohl du nein meinst.
Du machst auf stark, obwohl du eigentlich Halt bräuchtest.
Du bist „vernünftig“, obwohl du innerlich längst raus willst.
Von außen sieht das professionell aus.
Innen weißt du sehr genau, dass du dich verkaufst
und oft eben auch verrätst.
Nach ein paar Jahren entsteht eine Diskrepanz:
Du bewunderst die Person, die andere in dir sehen.
Und du kennst die Person, die du sein musstest, um dort hinzukommen.
Diese beiden passen nicht zusammen.
Da entsteht der Riss.
Das Gehirn merkt sich, wie du mit dir umgehst
Neurobiologisch ist das kein esoterischer Zauber,
sondern ziemlich nüchtern:
Dein Gehirn lernt aus Erfahrung,
wie sicher es bei dir ist.
Wenn du dich immer wieder übergehst,
nimmt dein System das ernst.
Es merkt sich:
„Meine Bedürfnisse zählen nicht.“
„Meine Gefühle sind Störfaktoren.“
„Ich werde erst gemocht, wenn ich funktioniere.“
Das erzeugt Stress. Nicht nur beruflich, als Grundton im Nervensystem.
Und chronischer Stress macht genau das kaputt,
was du für gute Entscheidungen, Kreativität und echte Verbindung brauchst:
Feinfühligkeit, Spieltrieb, Lust am Experiment.
Nebenbei macht es körperlich krank.
Du wirst effizienter.
Aber du wirst nicht lebendiger.
Selbstoptimierung ohne Selbstachtung ist ein perfider Deal
Viele, die zu mir kommen, sind Meister:innen der Selbstoptimierung.
Sie wissen alles über Routinen, Biohacks, Productivity-Tools.
Sie können dir erklären, wie Trauma das Nervensystem beeinflusst
und wie Dopamin-Schleifen funktionieren.
Und trotzdem sitzt da jemand,
der sich innerlich behandelt wie eine Ressource:
nutzen, auspressen, nachbessern.
Das ist der perfide Deal:
Solange du an dir arbeitest,
musst du nicht spüren,
dass du dich auf einer tieferen Ebene gar nicht magst.
Du bist permanent beschäftigt mit „an dir feilen“.
Also kommst du nie an den Punkt, an dem du dir eingestehen musst:
„Ich behandle mich gerade wie jemanden, den ich nicht respektiere.“
Das Wort Selbstachtung klingt altmodisch.
Aber es trifft den Kern.
Es geht nicht darum, dich toll zu finden.
Es geht darum, wie du mit dir umgehst,
wenn niemand zuschaut.
Was ich in Gesprächen wirklich höre
Wenn jemand bei mir sitzt und sagt:
„Ich will klarer führen, gelassener werden, mich nicht mehr so zerfleischen“,
dann sind das die Überschriften.
Darunter höre ich oft etwas anderes:
„Ich habe keine Ahnung,
wie ich freundlich mit mir sein soll,
ohne sofort Angst zu haben, nachzulassen.“
Oder:
„Ich weiß, dass ich mich verrate,
aber das ist die einzige Strategie, die ich kenne,
seit ich klein bin.“
Für mich ist klar:
Diese Menschen sind früh zu Funktionsträgern geworden.
Sie haben gelernt, Erwartungen zu erfüllen,
statt als Subjekte, als eigenständige Wesen, gesehen zu werden.
Und wenn du lange genug Objekt warst –
von Noten, von Bewertungen, von Ansprüchen –
fängst du irgendwann an, dich selbst auch so zu behandeln.
Was passiert, wenn Selbstachtung wieder auftaucht
Spannend wird es,
wenn der Punkt kommt,
an dem jemand sich zum ersten Mal fragt:
„Wie würde ich mit einer Person umgehen,
die ich wirklich achte
und warum mache ich mit mir das Gegenteil?“
Kein Mantra.
Keine Affirmation.
Nur diese eine Frage.
In dem Moment verschiebt sich die Achse:
Nicht mehr: „Wie kriege ich mich optimiert?“
Sondern: „Will ich mir das wirklich weiter antun?“
Im Reboot Club und im 1:1 erlebe ich dann Dinge,
die nach außen unspektakulär aussehen:
Jemand beendet ein Gespräch früher,
statt sich noch eine Stunde zu erklären.
Jemand sagt in einem Meeting:
„Ich weiß das gerade nicht“,
ohne innerlich zu sterben.
Jemand geht abends ins Bett,
ohne vorher noch schnell zu „performen“ –
für niemanden.
Auf dem Papier sind das Mini-Entscheidungen.
Im Gehirn sind es neue Erfahrungen:
Ich kann zu mir stehen
und ich werde nicht vernichtet.
Genau das meine ich,
wenn ich von innerer Freiheit spreche:
Handeln, ohne sich selbst zu verraten. Mit klarer Haltung. Mit Präsenz.
Warum das alles mehr mit Führung zu tun hat, als jedes Leadership-Seminar
Menschen spüren,
ob sie es mit jemandem zu tun haben,
der sich selbst achtet
oder mit jemandem, der sich nur gut verkauft.
Die einen senden subtil:
„Ich bin okay, solange du mich bestätigst.“
Die anderen senden:
„Ich bin okay, auch wenn es gerade wackelt.“
Mit den Ersten arbeitet man.
Den Zweiten folgt man.
Genau deshalb ist Selbstachtung kein „Privatthema“.
Sie ist die Grundlage jeder Wirkung nach außen,
ob du ein Team führst, ein Unternehmen,
oder einfach dein eigenes Leben,
ohne dich permanent unterwegs zu verlieren.
Wenn du also das diffuse Gefühl kennst,
dass dein Leben auf dem Papier stimmt,
aber du die Person dahinter nur schwer aushältst,
dann brauchst du nicht das nächste Ziel,
nicht den nächsten Kurs
und nicht das nächste Tool.
Du brauchst jemanden,
der mit dir aushält hinzuschauen,
wie du mit dir sprichst,
wie du dich behandelst,
und wie viel Würde dabei auf der Strecke bleibt.
Alles andere ist Deko.