Warum fühlt sich Erfolg so schnell wieder nach zu wenig an?
Von Anja Maria Welzel

Stell dir vor, du erreichst dein Umsatzziel. Das, bei dem du vor einem Jahr noch dachtest: Wenn ich das schaffe, bin ich richtig zufrieden.
Jetzt hast du es geschafft. Vielleicht gibt es einen guten Abend, ein Essen mit deinem Team, eine Nachricht von jemandem, der sich mit dir freut.
Dann sitzt du an der nächsten Planung.
Dasselbe Ergebnis noch einmal? Wäre schon etwas wenig.
Interessant. Vor zwölf Monaten war das noch dein großes Ziel. Heute ist es die Zahl, bei der du langsam nervös wirst.
Du hast mehr erreicht. Gleichzeitig ist mehr nötig geworden, damit du dein Ergebnis noch als Erfolg gelten lässt.
Was gestern außergewöhnlich war, ist heute eingeplant
Natürlich verändert sich ein Unternehmen. Du hast vielleicht Menschen eingestellt, größere Aufträge angenommen oder höhere Kosten. Eine Zahl, die einmal gut war, kann wirtschaftlich tatsächlich nicht mehr reichen.
Vielleicht hast du auch einfach Lust auf mehr. Auf ein besseres Produkt. Auf einen Markt, den du bisher nicht erreicht hast. Auf eine Aufgabe, die dich fordert.
Daran ist nichts verdächtig.
Mich interessiert eine andere Stelle: Was passiert mit deinem Blick auf dich selbst, wenn das nächste Ergebnis nicht größer ausfällt?
Du kannst einen wirtschaftlichen Rückgang ernst nehmen, ohne deine gesamte Person infrage zu stellen. Und du kannst ein hervorragendes Ergebnis erzielen, bei dem du dich trotzdem fragst, ob du noch etwas draufhast.
Die Zahl allein erklärt uns das nicht.
Warum die Freude am Erfolg nachlassen kann
Die Psychologie beschäftigt sich mit der Gewöhnung an positive Veränderungen. Ein Erfolg kann mit der Zeit vertrauter werden. Die anfängliche Freude lässt nach, während die eigenen Ansprüche steigen können.
Kennon Sheldon und Sonja Lyubomirsky untersuchten diese Prozesse 2012 bei 481 Studierenden über drei Monate. Ihre Ergebnisse unterstützten ein Modell, in dem nachlassende positive Gefühle und steigende Ansprüche zur Gewöhnung beitragen. Auch die Wertschätzung der Veränderung und die Vielfalt der damit verbundenen Erfahrungen spielten eine Rolle. Studie: The Challenge of Staying Happier
Das war eine Untersuchung von berichteten Lebensveränderungen bei Studierenden. Sie beweist nicht, warum du nach einem guten Geschäftsjahr schon wieder unzufrieden bist. Sie liefert aber einen hilfreichen Hinweis: Dass sich etwas nicht mehr so großartig anfühlt wie am Anfang, bedeutet noch nicht, dass es wenig wert ist.
Dein Unternehmen muss nicht plötzlich schlechter geworden sein. Das Ergebnis ist dir möglicherweise nur vertrauter geworden.
Wann aus einem Ergebnis eine Bedingung wird
Leistungsabhängiger Selbstwert betrifft eine zusätzliche Frage: Wovon hängt ab, ob du dich selbst als wertvoll oder gut genug empfindest?
Jennifer Crocker und Connie Wolfe beschreiben in ihrem Forschungsmodell, wie Erfolge und Misserfolge die aktuelle Selbstbewertung beeinflussen können, wenn Menschen ihren Selbstwert an bestimmte Bereiche knüpfen. Berufliche Leistung kann ein solcher Bereich sein. Forschungsmodell: Contingencies of Self-Worth
Auf unser Beispiel übertragen, könnte die innere Bedingung lauten: Solange es wächst, bin ich gut genug.
Dann hat das neue Ziel zwei Aufgaben. Es soll dein Unternehmen voranbringen. Und es soll dir wieder bestätigen, dass du in Ordnung bist.
Dieselbe Leistung kann wirtschaftlich weiter hervorragend sein und dir persönlich trotzdem nicht mehr reichen. Weil du inzwischen eine Steigerung brauchst, um sie dir noch anzurechnen.
Das ist meine Übertragung des Modells auf diese Situation, keine Diagnose über Unternehmer:innen.
Die unangenehme Frage wäre dann: Kannst du wiederholen, was du gut kannst, ohne dich dabei schon wie jemand zu fühlen, der nachlässt?
Du musst deinen bisherigen Erfolg nicht kleinreden, um mehr zu wollen
Vielleicht klingt „Das habe ich gut gemacht“ für dich erstaunlich nah an „Ich gebe mich jetzt zufrieden“.
Als würde die Anerkennung deiner eigenen Leistung sofort die nächste Zielplanung gefährden.
Dabei kannst du den Auftrag gut abgeschlossen haben und den nächsten besser machen wollen. Du kannst stolz auf dein Unternehmen sein und etwas verändern müssen. Dafür musst du nicht erst so tun, als wäre alles Bisherige selbstverständlich gewesen.
Die Selbstbestimmungstheorie unterscheidet unter anderem zwischen selbstbestimmter und kontrollierter Motivation. Du kannst arbeiten, weil dich die Aufgabe interessiert oder weil du ihr Ziel persönlich wichtig findest. Du kannst dich auch durch Schuldgefühle oder den Druck antreiben, dich beweisen zu müssen. Beides kann sich bei derselben Person mischen. Gagné und Deci: Self-Determination Theory and Work Motivation
Selbstbestimmte Motivation bedeutet also nicht, dass du nur noch Dinge machst, die Spaß machen. Eine schwierige Verhandlung kann zu einem Ziel gehören, hinter dem du stehst. Die Forschung gibt uns allerdings keine Garantie, dass du ohne inneren Beweisdruck denselben Umsatz erzielst.
Die Frage ist zunächst kleiner und konkreter: Was möchtest du mit dem nächsten Ziel erreichen? Und was soll es dir über dich bestätigen?
Und wenn du die gleiche Anforderung in deine Freizeit mitnimmst?
Stell dir vor, du fängst wieder mit Sport an. Erst möchtest du dich bewegen. Dann misst du deine Zeiten. Nach ein paar Monaten ist die Runde, auf die du anfangs stolz warst, etwas, das jetzt mindestens drin sein muss.
Das kann dir Spaß machen. Nur: Falls du gehofft hast, dort endlich nichts beweisen zu müssen, lohnt sich ein genauer Blick. Hast du eine zusätzliche Freude gefunden? Oder eine weitere Stelle, an der du dir ein gutes Ergebnis abverlangst, bevor du mit dir zufrieden bist?
Bitte mach aus Zufriedenheit kein weiteres Umsatzziel
Jetzt könnte man sich natürlich vornehmen, den nächsten Erfolg endlich richtig zu genießen.
Auch das noch ordentlich erledigen. Feierabend machen, dankbar sein, bloß nicht schon wieder unzufrieden werden.
Dann hast du zum guten Ergebnis eine weitere Anforderung hinzugefügt: Du musst dich dabei auch noch richtig fühlen.
Du darfst dich über einen Erfolg nur kurz freuen. Du darfst danach müde sein. Oder merken, dass dir an einem anderen Teil deines Lebens gerade etwas fehlt. Das ist kein Beweis dafür, dass du das Genießen nicht kannst.
Wenn du schon bei dieser Frage merkst, dass selbst Feierabend eine Rechtfertigung braucht, findest du dazu meinen Artikel „Alles erledigt. Warum fühlt es sich trotzdem nicht nach genug an?“.
Für heute reicht vielleicht diese Frage:
Wenn du nächstes Jahr dasselbe hervorragende Ergebnis erreichst: Kannst du es noch anerkennen? Oder zählt bei dir inzwischen nur noch die Steigerung?
Ich beschäftige mich mit der Psychologie hinter Erfolg und Leistung. Mit dem, was erfolgreiche Menschen antreibt – und der Frage, wie sie Erfolg genießen können, ohne sich ständig neu beweisen zu müssen.
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Auf deinen Erfolg. Und darauf, dass du ihn genießen kannst.
Anja